Die 3 Gesichter des Traumas
- nicolette168
- 22. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Schock‑, Entwicklungs ‑ und Komplextrauma

Schocktrauma – wenn das Leben in Sekunden zerbricht
Ein Schocktrauma entsteht durch ein einzelnes, überwältigendes Ereignis. Dazu gehören:
Unfälle
Naturereignisse
medizinische Notfälle
plötzliche Verluste
Gewalt- oder Bedrohungssituationen
Das Nervensystem wird dabei abrupt überflutet. Häufige Folgen sind:
anhaltende Alarmbereitschaft
Schlafstörungen
Flashbacks
körperliche Symptome wie Herzrasen oder Zittern
das Gefühl, „nicht mehr derselbe Mensch zu sein“
Schocktrauma ist oft gut behandelbar, wenn frühzeitig regulierende und stabilisierende Methoden eingesetzt werden. Körperorientierte Verfahren, Atemarbeit und traumasensible Psychotherapie helfen, das Nervensystem wieder in Sicherheit zu bringen.
Entwicklungstrauma – wenn etwas gefehlt hat, das eigentlich selbstverständlich sein sollte
Entwicklungstrauma entsteht nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch das andauernde Fehlen von emotionaler Sicherheit in der Kindheit. Dazu gehören:
fehlende Bindung oder emotionale Zuwendung
unvorhersehbare oder überfordernde Bezugspersonen
chronischer Stress im Familiensystem
Vernachlässigung oder subtiler emotionaler Missbrauch
Diese Erfahrungen prägen das Nervensystem in einer Phase, in der es sich noch entwickelt. Typische Folgen im Erwachsenenalter sind:
Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen
ein instabiles Selbstwertgefühl
Überanpassung oder ständige Selbstkritik
das Gefühl, „irgendetwas stimmt mit mir nicht“
diffuse Ängste oder innere Leere
Entwicklungstrauma ist leise – und gerade deshalb so wirksam. Die Heilung beginnt oft damit, innere Muster zu erkennen und neue, sichere Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.
Komplextrauma – wenn Trauma zur Lebensrealität wurde
Komplextrauma entsteht durch wiederholte, langanhaltende traumatische Erfahrungen – meist in der Kindheit, oft durch Menschen, von denen eigentlich Schutz erwartet wird. Dazu gehören:
chronische Gewalt
emotionaler oder körperlicher Missbrauch
wiederholte Demütigung
instabile oder gefährliche Bindungssysteme
Komplextrauma betrifft nicht nur einzelne Erinnerungen, sondern die gesamte Identitätsentwicklung. Häufig zeigen sich:
starke emotionale Schwankungen
Dissoziation
Schwierigkeiten, Grenzen zu spüren
tiefe Scham- oder Schuldgefühle
Probleme in Beziehungen
chronische körperliche Beschwerden
Die Behandlung erfordert Zeit, Stabilität und eine fein abgestimmte therapeutische Begleitung. Ziel ist nicht, „alles zu vergessen“, sondern innere Sicherheit, Selbstwirksamkeit und ein neues Körpergefühl aufzubauen.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist
Viele Betroffene fragen sich, warum sie „nicht einfach darüber hinwegkommen“. Die Antwort liegt oft darin, welches Trauma vorliegt. Jede Form hat eigene Dynamiken – und braucht eigene therapeutische Wege.
Schocktrauma verlangt Stabilisierung und Entladung.
Entwicklungstrauma braucht Beziehung, Nachnährung und innere Neuorientierung.
Komplextrauma erfordert ein behutsames, mehrschichtiges Vorgehen, das Körper, Psyche und Identität einbezieht.
Wenn wir verstehen, was unser Nervensystem erlebt hat, entsteht Raum für Mitgefühl – und für Heilung.



